Wirtschaftliche Stabilität und das Wohlbefinden der Bürger sind die Voraussetzung für eine liberale und offene Ordnung – Teil 1

Wirtschaftliches Wohlbefinden zuerst: Eine historische Spurensuche zwischen der Bundesrepublik, China und Russland

Für die Wahl der Überschrift dieses Kapitels habe ich mich eines sehr guten Formats und des sehr zu empfehlenden Podcasts von Jung & Naiv bedient – genauer gesagt der Folge mit dem Historiker Jörg Baberowski. In diesem Gespräch ging es um Wladimir Putin, die alte Sowjetunion, Russland, liberale Demokratien und die fundamentale Frage von Wirtschaftspolitik. Auf eine Zuschauerfrage hin, ob Michail Gorbatschow Ende der 1980er-Jahre nicht besser daran getan hätte, mehr den wirtschaftlichen Weg Chinas zu wagen, fiel mir eine Antwort besonders auf. Baberowski betonte, dass wirtschaftliche Stabilität und das Wohlbefinden der Leute die zwingende Voraussetzung dafür sind, liberale und offene Ordnungen überhaupt erst erfolgreich zu etablieren. Vor diesem Hintergrund argumentierte er, dass Gorbatschow besser zuerst mit den ökonomischen Reformen begonnen hätte, um die politischen Reformen erst danach einfließen zu lassen.

Aber warum sollte das besser gewesen sein? Hier zeigt sich, wie sehr sich der Blick in die Geschichte lohnt. Um ehrlich zu sein, lohnt er sich aus meiner Sicht fast immer, um Parallelen und Beispiele auf die derzeitige wirtschaftliche Situation in Deutschland, Europa und der Welt zu werfen. Hier reimt sich die Geschichte und aus meiner Sicht auch die Wirtschaftspolitik. Eine wesentliche Frage, die mich heute umtreibt, ist, warum so viel Verständnis für Russlands Weltanschauung besteht, warum ein Mensch wie Putin überhaupt so massiven Erfolg in Russland haben konnte und warum in Deutschland so wenig Verständnis für die deutsche Perspektive auf die derzeitige Lage in Europa, der Ukraine und Deutschland besteht. Um diese Frage einer Antwort zuzuführen, können wir einen Blick auf die jüngere Geschichte Deutschlands, Chinas und Russlands werfen. So lassen sich aus meiner Sicht nachvollziehbare Schlüsse für Deutschlands derzeitige Lage und das leidliche Erstarken der AfD ziehen.

Lassen Sie uns also genau an diesem Punkt anfangen. Ich möchte den Bogen nicht zu lang werden lassen, aber warum wählen wir hier ausgerechnet das Beispiel Russland? Ich mache das ganz bewusst deshalb, weil ich Menschen mit diesem Thema abholen möchte, die in der heutigen Debatte auch mal die Sichtweise Russlands auf den Ukraine-Krieg einnehmen oder sich kritisch gegen westliche und deutsche Interessen positionieren. Es gibt in Teilen der Bevölkerung nicht nur ein gewisses Verständnis für den Angriff Russlands auf die Ukraine, sondern zeitgleich wird immer wieder die Frage aufgeworfen – und ich glaube hierin liegt das eigentliche Thema –, warum eigentlich Milliarden in die Ukraine fließen, während es uns in Deutschland wirtschaftlich immer schlechter geht. Ich verstehe diesen Einwand, denn genau wie Herr Baberowski bemerkt hat, sind wirtschaftliche Stabilität und das Wohlbefinden der Leute eine entscheidende Voraussetzung für liberale und offene Ordnungen. Wenn ich es aus meiner Sicht sagen darf: Es ist fast egal, welche Ordnung das betrifft – leider! Aber ich bin ja in einer westlichen Welt aufgewachsen, und mir sind Menschenrechte, Umweltschutz und eben eine liberale Welt sehr wichtig. Ich wage hier also einen bewussten Spagat, um echtes Verständnis über Systemzusammenhänge zu schaffen, und hoffe, dass es gelingt. Dieser Idee folgend werde ich zunächst die Etablierung der (Sozialen) Marktwirtschaft in Westdeutschland 1948 analysieren, um danach über den chinesischen Weg und die russische Katastrophe der frühen 1990er-Jahre die direkte Schlussfolgerung für die deutsche Entwicklung seit den 2000er-Jahren zu ziehen.

Westdeutschland: Das Jahr 1948 und die Anatomie eines Wirtschaftsmythos

Fast jeder hat vom deutschen Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg gehört. Doch dass dieser wirtschaftliche Aufschwung keineswegs ein rein deutsches Phänomen war, sondern zeitgleich in vielen vom Weltkrieg betroffenen Ländern stattfand, wird in der offiziellen Berichterstattung gern übersehen. Dies legt den Schluss nahe, dass die historische Entwicklung wohl eher nicht allein auf die persönliche Leistung eines einzelnen Mannes wie Ludwig Erhard zurückzuführen ist. Ziel dieses Kapitels ist es vielmehr, hinter die Kulissen der institutionalisierten Erzählung zu blicken und aufzuzeigen, was wir wirklich aus der Geschichte lernen können, wenn wir die Mechanismen von Angebot, Nachfrage und staatlicher Intervention etwas unverschleierter betrachten.

Die Einführung der Deutschen Mark am 20. Juni 1948 in den drei westlichen Besatzungszonen war der formale Startschuss für diesen Prozess. Sie löste die alte Reichsmark ab, da die klassische neoliberale Sicht behauptete, man müsse das von der NS-Diktatur zu viel geschöpfte Geld radikal wegschneiden, weil sonst eine Hyperinflation ausgebrochen wäre, sobald man die Preise freigibt. Dass diese Schocktherapie nicht unbedingt alternativlos war, sondern die inländischen Geldwerte radikal entwertete, soll hier an dieser Stelle kritisch festgehalten werden. Ganz besonders vor dem Hintergrund, dass im totalen Kontrast dazu im Februar 1953 beim Londoner Schuldenabkommen eine ganz andere Priorität gesetzt wurde. Konrad Adenauer setzte sich dort im Kabinett gegen den erbitterten, fiskalischen Widerstand seines eigenen Finanzministers Fritz Schäffer durch, um die Auslandsanleihen des Deutschen Reiches – die alten Dawes-Anleihen von 1924 und Young-Anleihen von 1930, die im Ausland in harten Devisen gehandelt wurden – anzuerkennen. Schäffer wollte diese aus Haushaltsgeiz blockieren, während Wirtschaftsminister Ludwig Erhard den Schulden aus marktliberalen Bedenken skeptisch gegenüberstand. Adenauer aber begriff, dass das Vertrauen der Welt in die Vertragstreue der jungen Bundesrepublik wichtiger war als jeder ökonomische Dogmatismus. Er gab das historische Versprechen ab, dass Deutschland diese Auslandsschulden voll anerkennt und inklusive Zinsen zurückzahlt, wovon internationale Spekulanten massiv profitierten, während die inländischen Sparer zuvor leer ausgegangen waren.

In West-Berlin trat die Reform wegen der politischen Sonderlage wenige Tage später, am 24. Juni 1948, in Kraft. Während diese Währungsreform in der nachträglichen Betrachtung oft mit Bildern von plötzlich vollen Schaufenstern verknüpft wird, bedeutete sie für die arbeitende Bevölkerung zunächst einen herben sozialen Rückschlag. Die privaten Sparguthaben und Barreserven der kleinen Leute wurden radikal weggeschnitten, was zu enormen Vermögensverlusten führte. Die Arbeitnehmer besaßen praktisch keine nennenswerten Rücklagen mehr und waren durch diese existenzielle Not gezwungen, ihre Arbeitskraft sofort zu jedem angebotenen Preis auf dem Markt anzubieten, um das schiere Überleben zu sichern.

Das wirtschaftspolitische System, das Erhard nun umsetzte, war kein spontaner Einfall. Er hatte bereits ab 1942 in einem privaten Wirtschaftsinstitut gearbeitet und dort 1944 eine geheime Denkschrift zur Kriegsfinanzierung und Schuldenschuldung verfasst. Seine Ideen stammten aus dem Ordoliberalismus der sogenannten Freiburger Schule, deren Vordenker wie Walter Eucken, Franz Böhm, Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack die ökonomische Debatte prägten. Nach dieser Lehre sollte sich der Staat aus der direkten Preisbildung und dem Marktgeschehen heraushalten, um die wirtschaftliche Freiheit zu garantieren. Gleichzeitig sollte er jedoch als starker Schiedsrichter einen klaren gesetzlichen Rahmen, die Wettbewerbsordnung, schaffen, dessen Hauptaufgaben die Verhinderung von Monopolen, das Verbot von Kartellen und die Sicherung einer stabilen Währung sein sollte.

Erhard nutzte für den Übergang in dieses System ein machtpolitisches Vakuum am Wochenende der Währungsreform. Am Sonntag, dem 20. Juni 1948, blieben alle alliierten Dienststellen geschlossen. Genau in diesem Moment hielt Erhard seine berühmte Rundfunkrede und verkündete den Bürgern eigenmächtig, dass ab sofort die allermeisten Preisbindungsvorschriften und Rationierungen aufgehoben seien, mit Ausnahme weniger Grundnahrungsmittel wie Brot, Fleisch und Fett. Über das Leitsätzegesetz gab er die Verbrauchsgüterpreise schrittweise frei, behielt jedoch den bestehenden Lohnstopp für die Arbeiter strikt bei. Die neoliberale Prämisse besagte, dass niedrige Lohnkosten die Renditen der Unternehmen sichern und somit die dringend benötigten Investitionen ankurbeln würden. Im September und Oktober 1948 passierte jedoch das, was Erhards Theorie eigentlich verhindern wollte: Der Druck der Agrarwirtschaft und der Erzeuger war so enorm, dass die Verwaltung die offiziellen Höchstpreise für Getreide und Fleisch staatlich anheben musste, um eine ausreichende Versorgung der Städte überhaupt noch zu sichern. Die Preissteigerungen von 20 Prozent beim Getreide und 38 Prozent beim Fleisch waren das offizielle Einknicken der Behörden vor dem Boykott der Erzeuger, die ihre Waren zuvor schlicht zurückgehalten hatten.

Die unmittelbare Folge war ein dramatischer Reallohnverlust, da die Lebenshaltungskosten im zweiten Halbjahr 1948 umgehend um 17 Prozent nach oben schnellten. Gleichzeitig verdoppelte sich die offizielle Zahl der Arbeitslosen innerhalb weniger Monate. In der Bevölkerung regte sich massive Entrüstung, die sich bald in Boykottaufrufen der Gewerkschaften und lokalen Tumulten entlud. Diese aufgestaute Wut der Verlierer der Währungsreform erreichte am 28. Oktober 1948 bei den Stuttgarter Vorfällen ihren ersten Höhepunkt, als sich zwischen 30.000 und 50.000 Menschen zu einer Massenkundgebung versammelten und die US-Militärpolizei die nachfolgenden Straßenschlachten erst unter Einsatz von Panzern und Tränengas beenden konnte.

Die langfristigen Konsequenzen dieses Aufbegehrens und des darauffolgenden Generalstreiks vom 12. November 1948, an dem sich  9,25 Millionen Menschen beteiligten, veränderten das Gesicht der jungen Republik nachhaltig. Ordnungspolitisch verbuchten die Gewerkschaften zwar einen Misserfolg, da Erhard im Amt blieb, Strukturreformen wie die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien abgelehnt wurden und die grundsätzliche Freigabe der Marktpreise bestehen blieb. Wirtschaftlich und sozial markierten die Proteste jedoch einen historischen Erfolg für die Arbeiter. Aus Angst vor unkontrollierbaren Unruhen und einem wachsenden kommunistischen Einfluss in der Arbeiterschaft zwangen die Alliierten und die Straße die konservative Führung um Erhard zum massiven Einlenken. Dieses erzwungene Zurückrudern legte überhaupt erst das eigentliche Fundament für das, was später als Soziale Marktwirtschaft gefeiert wurde. Der Lohnstopp wurde zum 1. November 1948 offiziell beendet, sodass die Einkommen wenigstens die Möglichkeit hatten zu steigen. Mit dem Jedermann-Programm griff der Staat direkt regulierend in den Markt ein und zwang die Industrie, einen festen Teil der Rohstoffe für die Massenproduktion billiger Alltagskleidung, Schuhe und Haushaltswaren zu staatlich gedeckelten Preisen aufzuwenden. Zusätzlich wurden über die Staatliche Erfassungsgesellschaft billige Wehrmachts- und US-Heeresbestände günstig an die Bevölkerung abgegeben, sodass Anfang 1949 vorübergehend wieder mehr als die Hälfte aller Konsumgüter gebundenen Preisen unterlag. Die Marktwirtschaft in Westdeutschland wurde also keineswegs durch Ludwig Erhards ursprüngliche Pläne sozial, sondern sie wurde von unten durch den massiven Protest der Menschen erkämpft.

Die Erkenntnis und das Beschäftigungs-Paradoxon

Um zu verstehen, warum das System überhaupt in eine solche Schieflage geriet, muss man die tieferen ordnungspolitischen Gründe analysieren. Unter der alten Reichsmark hatte der Markt völlig aufgehört zu funktionieren, weil die Preise seit der NS-Zeit eingefroren waren und die Händler ihre Waren aus Misstrauen gegenüber dem Geld zurückhielten. Die Alliierten hatten diese Zwangswirtschaft nach 1945 zunächst beibehalten, da sie Angst vor einer eintretenden Hyperinflation nach dem historischen Vorbild von 1923 hatten. In einer Situation totaler Güterknappheit hätte eine sofortige Preisfreigabe nach der vorherrschenden Ansicht die Bevölkerung vollends in den Hunger getrieben. Das Prinzip der Mangelverwaltung über Lebensmittelkarten funktionierte nur, wenn der Staat gleichzeitig garantierte, dass die zugeteilten Rationen gesetzlich preiswert und bezahlbar blieben.

Eine große Reform wurde zudem jahrelang durch den beginnenden Kalten Krieg blockiert, da das Potsdamer Abkommen für gesamtdeutsche Wirtschaftsreformen die Einstimmigkeit aller vier Mächte im Alliierten Kontrollrat vorschrieb. Da die Sowjetunion im Osten jedoch eine Planwirtschaft und die Westalliierten ein marktwirtschaftliches System anstrebten, herrschte lähmender Stillstand. Selbst innerhalb der Westalliierten gab es erbitterten Widerstand; während die USA den freien Markt favorisierten, hielten die von einer Labour-Regierung geführten Briten sowie die Franzosen staatliche Kontrollen für das weitaus bessere Mittel zur Lenkung der Nachkriegswirtschaft und misstrauten Erhards radikalen Plänen. Erhard und US-General Clay hingen dagegen der Doktrin an, dass der Markt erst atmen könne, wenn Preise durch das freie Spiel von Angebot und Nachfrage echte Signale senden, und setzten im Juni 1948 auf eine Schockwirkung der Preisfreigabe.

Genau an dieser Stelle offenbart sich jedoch das große logische und ökonomische Paradoxon der neoliberalen Erzählung. Die gängige Theorie besagt, dass der schlagartige Wettbewerb die Firmen zu massiver Rationalisierung und Produktivitätssteigerung zwang, wobei überflüssiges Personal entlassen wurde, um die Wirtschaft gesundzuschrumpfen. Doch wenn die Menschen ohne Job dastehen, können sie sich die produzierten Waren schlicht nicht mehr leisten, wodurch die Nachfrage am Boden bleibt. Mit welchen Einnahmen sollten die Unternehmer also investieren, um produktiver zu werden? Dass die Unternehmer ihr Erspartes im großen Stil in einen Markt investieren, der mangels Kaufkraft noch gar nicht funktioniert, gehört wohl eher in die Wunschkiste. Die Nachfrage und damit auch die echten Einnahmen und Gewinne der Unternehmen kommen ja erst mit stabilen Löhnen. Und wenn dann auch noch die Preise über Notbremsen gedrosselt und die Löhne nachträglich freigesetzt wurden, sich also erhöhten – warum um alles in der Welt sollte ein Unternehmer Arbeiter einstellen, die er kurz zuvor entlassen hatte? Damit er ihnen mehr Lohn zahlen darf, während er gleichzeitig geringere Preise erzielt und weniger Absatz generiert? Das macht betriebswirtschaftlich absolut keinen Sinn.

Dass die Wirtschaft im Sommer 1948 nicht sofort mangels Nachfrage kollabierte, lag an zwei spezifischen Sonderfaktoren. Zum einen flutete das sogenannte Kopfgeld – sofort 40 DM und kurz darauf weitere 20 DM, die jeder Bürger bar auf die Hand bekam – den Markt mit einer kurzzeitigen Einmalkaufkraft für die nötigsten Alltagsgüter. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Monatsgehalt lag damals bei gerade einmal 200 DM. Zum anderen kam die entscheidende Nachfrage anfangs gar nicht vom privaten Verbraucher, sondern vom Staat und der Industrie selbst, die im Zuge des Wiederaufbaus von Schienen, Brücken und Fabriken gewaltige Mengen an Stahl, Baumaterialien und Maschinen orderten. Diese Investitionsgüter-Nachfrage hielt die Wirtschaft am Laufen, völlig unabhängig davon, ob der kleine Arbeiter sich ein neues Hemd leisten konnte oder nicht.

Zudem versagte der Markt die Preise eben nicht sofort fair zu regeln, sodass Erhard im November 1948 der Einrichtung von sogenannten „Preisräten“ und regionalen Ausschüssen zustimmte. Dies waren Gremien, in denen Vertreter von Gewerkschaften, Verbrauchern und Behörden saßen. Sie fungierten als staatlich legitimierte Kontrollinstanzen, die die Kalkulationen der Unternehmen prüften. Stellten sie fest, dass eine Firma die Preise künstlich hochtrieb, griffen die Behörden ein. Erhard musste damit die staatlichen Preisüberwachungsämter, die er zuvor noch entmachtet hatte, personell wieder massiv aufstocken. Über ein verschärftes Gesetz gegen Preistreiberei zog der Staat eine rote Linie: Wer die Notlage der Menschen ausnutzte, riskierte nicht nur saftige Geldstrafen, sondern die Beschlagnahmung seiner Waren und die sofortige Schließung des Ladens.

Die Behauptung, dass nach der Lohnfreigabe Anfang 1949 automatisch ein harmonischer Kreislauf aus sinkenden Preisen, höherem Absatz und massenhaften Neueinstellungen anlief, entpuppt sich also bei genauer Betrachtung der amtlichen Wirtschaftsdaten als ökonomischer Mythos. Wenn ein Unternehmer mit steigenden Löhnen und gleichzeitig sinkenden Preisen konfrontiert ist, schrumpft seine Marge. Seine Reaktion ist eben nicht die Einstellung neuer Mitarbeiter, sondern die fortgesetzte, noch härtere Rationalisierung, um Personal einzusparen. Die nackten Zahlen belegen das Beschäftigungs-Paradoxon: Die Arbeitslosigkeit stieg 1949 unaufhaltsam weiter und erreichte im Februar 1950 mit über zwei Millionen registrierten Arbeitslosen ihren absoluten, krisenhaften Höchststand. Die Inlandsnachfrage war viel zu schwach, um den Arbeitsmarkt zu retten.

Die externen Anstöße: Marshallplan und Korea-Boom

Dass das westdeutsche System in dieser schweren Beschäftigungskrise um die Jahreswende 1949/50 nicht implodierte, war kein Verdienst der inländischen Marktmechanismen, sondern das Ergebnis massiver externer Faktoren von außen. Der erste Motor war das Geld des US-amerikanischen Marshallplans, das ab 1948 kontinuierlich Kredite und dringend benötigte Rohstoffe nach Westdeutschland brachte, um die wirtschaftliche Basis des Landes strategisch zu stützen.

Der tatsächliche, rettende Wendepunkt war jedoch ein geopolitischer Schock: der Ausbruch des Korea-Krieges im Juni 1950. Durch diesen Konflikt benötigte die westliche Welt, allen voran die USA, schlagartig gigantische Mengen an Stahl, schweren Maschinen und industriellen Werkzeugen. Entgegen dem weitverbreiteten Mythos der totalen Zerstörung war die Substanz der deutschen Schwerindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg erstaunlich gut intakt, da das NS-Regime bis zuletzt massiv in modernste Werkzeugmaschinen investiert hatte. Westdeutschland besaß nun einen einzigartigen, von den Alliierten verordneten Vorteil: Es hatte keinerlei eigene Rüstungsindustrie mehr.

Als die USA und Großbritannien ihre Fabriken auf die Produktion von Panzern und Waffen umstellten, besetzte die deutsche Industrie die frei gewordenen zivilen Märkte. Die westdeutschen Betriebe verfügten über enorme freie Kapazitäten im Maschinen- und Anlagenbau und konnten die Weltwirtschaft sofort mit friedlichen Gütern beliefern, während sich die internationale Konkurrenz im Krieg band. Dieser massive, externe Exportboom brachte den Unternehmen die entscheidenden Gewinne und saugte in den darauffolgenden Jahren die Arbeitslosen endgültig vom deutschen Markt. Nicht die fehlerfreie Selbstregulierung von Erhards neoliberalem Modell von 1948 brachte das Wirtschaftswunder hervor, sondern der erzwungene Einbau sozialer Schutzräume im Inland gepaart mit einer kriegsbedingten Exportnachfrage aus dem Ausland.

Dass Länder wie Japan, Frankreich und Italien einen ebenso starken wirtschaftlichen Aufschwung erlebten, beweist zudem empirisch, dass das deutsche „Wirtschaftswunder“ kein isoliertes Verdienst von Ludwig Erhard war. Der anfängliche Vorsprung der deutschen Wirtschaft wurde von Ländern wie Frankreich rasch aufgeholt und in der langfristigen Distanz sogar überholt.

Betrachtet man das durchschnittliche jährliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf über die gesamte Epoche der Nachkriegsökonomie zwischen 1950 und 1973, ergibt sich ein unmissverständliches Bild der makroökonomischen Realität:

    • Japan: Der absolute Spitzenreiter mit über 8,0 % Wachstum pro Jahr. Japan verzehnfachte seine Wirtschaftskraft in dieser Zeit durch eine eng mit dem Staat verzahnte Industriepolitik und stieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt auf.

    • Italien (Il Miracolo Economico): Rund 4,9 % Wachstum pro Jahr, maßgeblich angetrieben durch staatliche Holding-Strukturen und Infrastrukturprojekte.

    • Frankreich (Les Trente Glorieuses): Rund 4,6 % Wachstum pro Jahr, realisiert über eine straffe staatliche Investitionslenkung und indikative Fünfjahrespläne (Planification).

    • Westdeutschland: Rund 4,4 % Wachstum pro Jahr. Die Bundesrepublik belegt über die gesamte Distanz der drei Jahrzehnte hinweg das Schlusslicht im direkten Vergleich dieser Wirtschaftsnationen.

Das Primat der ökonomischen Stabilität

Daher kann bis hierher festgehalten werden, dass wirtschaftlicher Erfolg und soziale Stabilität  keine naturgegebenen Phänomene des freien Marktes, sondern das Ergebnis politischer Weichenstellungen und geopolitischer Zufälle sind. Die Währungsreform von 1948 war in ihrer Radikalität kein technischer Zwang, sondern ein asymmetrischer Schuldenschnitt, der einseitig die Vermögen der inländischen Sparer vernichtete, während Sachwerte geschützt und Unternehmer entschuldet wurden. Dass dieses System im Krisenherbst 1948 nicht kollabierte und die Bundesrepublik langfristig florierte, lag an den von der Straße erkämpften sozialen Schutzräumen und dem externen Triebwerk des Korea-Krieges. Der langfristige Vergleich mit Japan, Frankreich und Italien belegt zudem, dass staatlich gelenkte Volkswirtschaften über die Distanz von drei Jahrzehnten sogar stabiler und dynamischer wuchsen als das marktliberale deutsche Modell.

 

Quellen:

    • [1] Jung & Naiv: Videokanal – Interview Jörg Baberowski. URL: youtube.com/@jungnaiv. Der Austausch zur Reihenfolge von Gorbatschows Wirtschaftsreformen bildet das argumentative Fundament des Kapitels.

    • [2] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Werner Abelshauser: „Wunder gibt es immer wieder“. Dossier Nachkriegszeit. URL: bpb.deVgl. S. 1–2 zur Internationalität des Wirtschaftsbooms nach 1945.

    • [3] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Hintergrund aktuell: „Währungsreform 1948“. URL: bpb.deAbsatz 1 zum historischen Datum des 20. Juni 1948.

    • [4] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Einführung der D-Mark in Berlin. (Ebd.) – Absatz 4 zur zeitverzögerten Berliner West-Regelung vom 24. Juni 1948.

    • [5] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Werner Abelshauser: „Wunder gibt es immer wieder“. (Ebd.). – Vgl. S. 2 zur drakonischen Liquiditätsvernichtung bei inländischen Geldwerten.

    • [6] Ludwig-Erhard-Stiftung: Wissenschaftliches Archiv: „Biografie Ludwig Erhard 1943–1945“. URL: ludwig-erhard.de – Nachweis der privaten Denkschrift von 1944.

    • [7] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Werner Abelshauser: Ordoliberalismus. (Ebd.). – Vgl. S. 3 zur Programmatik der Freiburger Schule.

    • [8] Der Spiegel: Historisches Archiv – „Der Mann, der die Preise laufen ließ“ (Ausgabe 1948). URL: spiegel.deSpalte 2 zur Rundfunkansage am arbeitsfreien Sonntag.

    • [9] Landesbildungsserver Baden-Württemberg (Schule-BW): Geschichtsportal – „Chronologie Herbst 1948“. URL: schule-bw.deAbschnitt Juni/Juli 1948 zur Asymmetrie von Preisfreigabe und verordnetem Lohnstopp.

    • [10] Friedrich-Ebert-Stiftung: Jörg Roesler: „Die Stuttgarter Vorfälle am 28. Oktober 1948“. Archiv für Sozialgeschichte (Pdf). URL: library.fes.deVgl. S. 3 zum plötzlichen Lebenshaltungskosten-Anstieg um 17 Prozent.

    • [11] Der Spiegel: Historisches Archiv. (Ebd.). – Spalte 3 zur Dokumentation des behördlichen Einknickens vor dem Erzeugerboykott bei Fleisch (38 %) und Getreide (20 %) im Herbst 1948.

    • [12] Ludwig-Erhard-Stiftung: Wirtschaftsarchiv – „Der Krisenherbst 1948“. URL: ludwig-erhard.de – Dokumentation der rasanten Verdoppelung der Erwerbslosenzahlen.

    • [13] Friedrich-Ebert-Stiftung: Jörg Roesler. (Ebd.). – Vgl. S. 4–5 sowie S. 11–12 zur Eskalation auf dem Karlsplatz und dem Panzereinsatz der US-Militärregierung.

    • [15] Landesbildungsserver Baden-Württemberg (Schule-BW): Chronologie. (Ebd.). – Eintrag 12.11.1948 zur Erfassung der 9,25 Millionen Teilnehmer des Generalstreiks.

    • [16] Friedrich-Ebert-Stiftung: Jörg Roesler. (Ebd.). – Vgl. S. 15 zum repressiven alliierten Verbot von Streikposten.

    • [17] Landesbildungsserver Baden-Württemberg (Schule-BW): Chronologie. (Ebd.). – Eintrag November 1948 zur formalen Beendigung des Lohnstopps zum 01.11.1948.

    • [18] Landesbildungsserver Baden-Württemberg (Schule-BW): Chronologie. (Ebd.). – Eintrag Oktober 1948 zur Einführung des staatlich regulierenden „Jedermann-Programms“ für die Massenproduktion.

    • [19] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Werner Abelshauser. (Ebd.). – Vgl. S. 2 zur Beibehaltung der NS-Zwangswirtschaft ab 1945 aus lähmender Angst vor Inflation.

    • [20] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Werner Abelshauser. (Ebd.). – Vgl. S. 3 zum Einstimmigkeitsprinzip im Alliierten Kontrollrat.

    • [21] Friedrich-Ebert-Stiftung: Jörg Roesler. (Ebd.). – Vgl. S. 19 zum Widerstand Frankreichs und der britischen Labour-Regierung gegen Erhards Pläne.

    • [22] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Werner Abelshauser. (Ebd.). – Vgl. S. 4 zur Relation und ökonomischen Stoßkraft des Kopfgeldes (40+20 DM).

    • [23] Ludwig-Erhard-Stiftung: Wirtschaftsarchiv – „Die Krise 1950“. URL: ludwig-erhard.de – Nachweis der historischen Rekordmarke von über 2 Millionen Arbeitslosen im Februar 1950.

    • [24] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Werner Abelshauser. (Ebd.). – Vgl. S. 5 zur Einbettung der Marshallplan-Mittel.

    • [25] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Werner Abelshauser. (Ebd.). – Vgl. S. 6 zum Korea-Krieg im Juni 1950 als externem, asymmetrischem Nachfrageschock.

    • [26] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Werner Abelshauser. (Ebd.). – Vgl. S. 6–7 zur Analyse des zivilen Exportvorteils durch das Fehlen einer eigenen Rüstungsindustrie.

    • [27] Weber, Isabella M.: Das Gespenst der Inflation. Wie China der Schocktherapie entkam. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2023. – Vgl. S. 211–216 zur ökonomischen Machbarkeit eines schrittweisen Wachsens aus dem Geldüberhang ohne Schock-Enteignung.

    • [28] Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll vom 13. Februar 1953 / Parlamentsarchiv zum Londoner Schuldenabkommen. URL: bundestag.de – Dokumentation der Debatten zwischen Adenauer und Schäffer sowie der völkerrechtlichen Anerkennung der Auslandsschulden.

    • [29] Maddison, Angus: Shares of the Rich and the Rest in the World Economy: Income Divergence between Nations, 1820–2030. University of Warwick / Maddison Project Database. URL: warwick.ac.ukVgl. Tabelle 3 zum langfristigen, vergleichenden Pro-Kopf-Wachstum im „Golden Age“ (1950–1973).

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